Vegetative Phase: wie Cannabis wächst
TL;DR
- Photoperiodische Sorten wachsen vegetativ bei ≥14 h Licht/Tag.
- Photosynthese-Optimum bei ~30 °C und 1500 µmol PAR (Chandra 2017).
- VPD-Sweetspot: 0.8-1.2 kPa – Stomata offen, Transpiration effizient.
- Präflorierung (erste Vorblüten an den Nodien) zeigt Geschlecht nach 4-6 Wochen.
Photosynthese in Cannabis
Cannabis ist eine C3-Pflanze mit hoher Lichtsättigung. Chandra et al. (2015, 2017) massen Netto-Photosynthese-Raten bis 40 µmol CO₂ m⁻² s⁻¹ bei 30 °C und 1500 µmol PAR – deutlich über typischen Zimmerpflanzen. Diese hohe Kapazität erklärt den hohen Licht- und CO₂-Bedarf im Anbau.
Diözisch: männlich vs. weiblich
Cannabis ist überwiegend zweihäusig. Weibliche Pflanzen produzieren die harzreichen Blüten (Cannabinoide, Terpene). Männliche werden im Anbau zur Vermeidung von Samenbildung entfernt. Feminisierte Samen liefern ≥99 % weibliche Nachkommen.
Vegetative Phase: Lichtstunden, Wuchssteuerung und typische Fehler
In der vegetativen Phase baut die Pflanze Blattmasse und Wurzelwerk auf — beides bestimmt später direkt den Ertrag. Bei 18 Stunden Licht und 6 Stunden Dunkelheit bleiben photoperiodische Sorten sicher im Wachstum; Autoflowering-Genetik ist davon unabhängig und wechselt altersgesteuert. Optimal sind 24 bis 28 °C bei 60 bis 70 % relativer Luftfeuchtigkeit, was einem Dampfdruckdefizit von rund 0.8 bis 1.1 kPa entspricht.
Wuchssteuerung ist in dieser Phase wirksamer als jede spätere Korrektur. Topping und Fimming brechen die apikale Dominanz und erzeugen mehrere gleichwertige Haupttriebe; Low-Stress-Training biegt Triebe waagrecht, ohne Gewebe zu verletzen, und liefert bei knapper Höhe die berechenbareren Ergebnisse. Jeder Schnitt kostet drei bis sieben Tage Regeneration — deshalb gehört die letzte Trainingsmassnahme mindestens eine Woche vor den Blüteinduktions-Zeitpunkt.
- Ziel-Dampfdruckdefizit vegetativ: 0.8–1.1 kPa
- Luftbewegung so einstellen, dass Blätter leicht wippen — nicht flattern
- Wurzelraum vor dem Blütewechsel gut durchwurzelt, aber nicht verfilzt
- Letzter Schnitt spätestens 7 Tage vor dem Lichtwechsel
Schweizer Einordnung
Nutzhanf im Feldanbau durchläuft die vegetative Phase ohne Lichtsteuerung; die hier beschriebenen Indoor-Parameter stammen aus der kontrollierten Produktion, wie sie lizenzierte Schweizer Betriebe für CBD-Blüten einsetzen. Genau diese Prozesskontrolle erklärt den Preisunterschied zwischen Indoor- und Outdoor-Ware im Detailhandel.
In der Schweiz entscheidet allein der Gesamt-THC-Wert (THC + THCA × 0.877) darüber, ob eine Pflanze als Nutzhanf oder als Betäubungsmittel gilt. Unter 1 % ist der Anbau grundsätzlich zulässig, darüber nur im Rahmen eines bewilligten Pilotprojekts nach BetmG Art. 8b oder mit ärztlicher Verschreibung nach Art. 8a. Wer selbst anbaut, trägt die Beweislast für den Wert — massgebend ist die Analyse der Erntecharge, nicht die Sortenangabe des Saatguthändlers.
Nährstoffbedarf und Substratdynamik im Wachstum
Während der vegetativen Phase benötigt die Pflanze ein spezifisches Nährstoffprofil, das sich deutlich von der späteren Blütephase unterscheidet. Der Fokus liegt hierbei auf Stickstoff, welcher für den Aufbau von Chlorophyll, Proteinen und neuen Trieben essenziell ist. Ein stabiles Fundament im Substrat stellt sicher, dass die Pflanze die nötige Struktur aufbaut, um später schwere Blüten tragen zu können. Neben Stickstoff spielen Phosphor für das Wurzelwachstum und Kalium für die Regulierung des Wasserhaushalts eine tragende Rolle. Ein Mangel in dieser Phase verzögert die Entwicklung erheblich und verringert das Ertragspotenzial.
Die Pflege des Substrats erfordert eine kontinuierliche Überwachung des pH-Werts und des Salzgehalts. Da die Nährstoffaufnahme stark vom pH-Wert des Giesswassers abhängt, führt ein falscher Wert schnell zu Blockaden, selbst wenn ausreichend Dünger vorhanden ist. Im erdelosen Anbau wie Kokos oder Hydroponik ist diese Kontrolle noch kritischer als auf organischer Erde, die Pufferkapazitäten besitzt. Ein ausgewogenes Verhältnis von Feucht- und Trockenphasen im Substrat fördert zudem die Sauerstoffzufuhr an den Wurzeln. Dies verhindert Staunässe und regt die feinen Haarwurzeln dazu an, sich aktiv auf der Suche nach Wasser im gesamten Topf auszubreiten.
- Stickstoffbetonter Dünger zur Förderung des Blatt- und Stängelwachstums
- pH-Wert-Kontrolle des Giesswassers je nach Substrattyp (Erde vs. Hydroponik)
- Vermeidung von Überdüngung durch regelmässiges Messen des Drain-Leitwerts
- Einhalten von Trockenzyklen zur Förderung des Wurzelwachstums
Wurzelgesundheit und Topfwahl für optimales Wachstum
Das unsichtbare Fundament einer gesunden vegetativen Phase liegt vollständig unter der Erdoberfläche. Ein kräftiges, weit verzweigtes Wurzelsystem ist die Grundvoraussetzung für eine effiziente Wasser- und Nährstoffaufnahme in der späteren Blütephase. In herkömmlichen Plastiktöpfen neigen Wurzeln dazu, im Kreis zu wachsen, sobald sie an die Topfwand stossen. Dieses Phänomen, auch als Ringwurzelbildung bekannt, schränkt die aktive Aufnahmefläche stark ein und schwächt die Pflanze langfristig. Moderne Kultivierungsmethoden setzen daher vermehrt auf alternative Behälterkonzepte, die das Wurzelwachstum durch natürlichen Luftkontakt an den Aussenseiten regulieren.
Stofftöpfe oder spezielle Air-Pots nutzen den Effekt des sogenannten Luftschnitts. Sobald eine Wurzelspitze mit Luft in Konktakt kommt, trocknet sie ab, was die Pflanze dazu anregt, im Inneren des Topfes neue, feinere Verzweigungen zu bilden. Das Ergebnis ist ein extrem dichtes und vitales Wurzelnetzwerk, das das Substrat optimal ausnutzt. Zudem verbessert die hohe Atmungsaktivität dieser Töpfe den Sauerstoffgehalt im Wurzelraum erheblich. Sauerstoff ist für die Zellatmung der Wurzeln und für nützliche Bodenmikroorganismen unerlässlich. Ein gut belüftetes Substrat minimiert zudem das Risiko von Wurzelfäule durch anaerobe Bakterien.
- Einsatz von Stofftöpfen zur Förderung des natürlichen Luftschnitts
- Vermeidung von Ringwurzelbildung durch rechtzeitiges Umtopfen
- Sauerstoffanreicherung des Substrats durch strukturstabile Zuschlagstoffe wie Perlit
- Präventiver Schutz vor Wurzelfäule durch Vermeidung von stehendem Wasser im Untersetzer
Integrierter Pflanzenschutz in der vegetativen Phase
Die vegetative Phase bietet das ideale Zeitfenster für präventive Pflanzenschutzmassnahmen, da noch keine Blüten vorhanden sind. Schädlinge wie Spinnmilben, Trauermücken oder Thripse können sich unter den warmen und feuchten Bedingungen des Wachstumsraums rasant vermehren. Ein frühzeitiger Befall schwächt die Photosyntheseleistung der Blätter und verzögert die gesamte Entwicklung. Da in dieser Phase noch keine klebrigen Blütenharze gebildet werden, können biologische Pflanzenschutzmittel und Nützlinge besonders effektiv und rückstandsfrei eingesetzt werden. Eine regelmässige Kontrolle der Blattunterseiten und der Einsatz von Gelbtafeln helfen, Schädlinge bereits im Anfangsstadium zu erkennen.
Neben tierischen Schädlingen stellen auch Pilzerkrankungen wie Mehltau ein Risiko dar, besonders bei hoher Luftfeuchtigkeit im dichten Blätterdach. Durch gezieltes Entlauben im unteren Drittel der Pflanze wird die Luftzirkulation verbessert und das Mikroklima stabilisiert. Der Einsatz von nützlichen Mikroorganismen wie Mykorrhiza-Pilzen oder nützlichen Bakterien im Substrat stärkt zudem die systemische Widerstandskraft der Pflanze gegen Krankheitserreger. Ein robuster und schädlingsfreier Übergang in die Blütephase legt den Grundstein für eine erfolgreiche Ernte, da spätere Behandlungen der Blüten extrem eingeschränkt und oft riskant für die Endqualität sind.
- Regelmässige Kontrolle der Blattunterseiten mit einer Lupe auf Schädlinge
- Einsatz von Gelb- und Blautafeln zur Früherkennung fliegender Insekten
- Ausbringung von Nützlingen wie Raubmilben oder Nematoden bei ersten Anzeichen
- Verbesserung der Luftzirkulation durch gezieltes Entfernen bodennaher Blätter
Rechtliche Grauzonen und Kontrollen im Schweizer Heimanbau
Wer in der Schweiz Cannabis anbaut, muss die strengen gesetzlichen Grenzwerte bezüglich des THC-Gehalts zwingend beachten. Solange der Gesamt-THC-Wert einer Pflanze strikt unter 1 % liegt, fällt sie nicht unter das Betäubungsmittelgesetz und gilt als legaler Nutzhanf. In der vegetativen Phase ist der THC-Gehalt der Jungpflanzen zwar meist noch äusserst gering, doch die rechtliche Einstufung basiert auf dem potenziellen Endwert der reifen Blüten. Der private Anbau von CBD-Sorten ist somit erlaubt, erfordert jedoch eine sorgfältige Auswahl zertifizierten Saatguts. Schweizer Behörden und kantonale Laboratorien führen stichprobenartige Kontrollen durch, um die Einhaltung dieser Grenzwerte auf dem Markt und in privaten Anlagen zu überprüfen.
Ein grosses Risiko für Heimanbauer besteht darin, dass viele international angebotene Samen die Schweizer Grenze von unter 1 % THC in der Blüte überschreiten. Wird bei einer amtlichen Kontrolle ein Wert von 1 % oder mehr gemessen, gilt die gesamte Anlage rechtlich als illegaler Anbau von Betäubungsmitteln. Dies führt in der Regel zur Beschlagnahmung und Vernichtung der Pflanzen sowie zu strafrechtlichen Konsequenzen. Für den legalen Anbau von THC-reichem Cannabis für den Freizeitkonsum existieren derzeit nur eng begrenzte, wissenschaftlich begleitete Pilotversuche in ausgewählten Schweizer Städten. Ausserhalb dieser Projekte bleibt der Anbau von THC-Cannabis ohne entsprechende Ausnahmebewilligung des BAG illegal.
- Strikte Einhaltung des Schweizer Grenzwerts von unter 1 % Gesamt-THC für legalen Anbau
- Verwendung von zertifiziertem CBD-Saatgut zur Vermeidung rechtlicher Risiken
- Gefahr der Beschlagnahmung und Strafverfolgung bei Überschreitung des Grenzwerts
- Teilnahme an lizenzierten Pilotversuchen als einzige legale Option für THC-Anbau im Freizeitbereich
FAQ
Wie lange dauert die vegetative Phase?
Photoperiodisch beliebig lang bei ≥14 h Licht; typischerweise 4-8 Wochen im Anbau.
Was ist VPD und warum ist es wichtig?
Vapor Pressure Deficit – Differenz zwischen Sättigungs- und Ist-Dampfdruck. Steuert Transpiration und Nährstoffaufnahme.
Wie lange sollte die vegetative Phase dauern?
Sie richtet sich nach dem verfügbaren Platz, nicht nach dem Kalender: Photoperiodische Pflanzen strecken sich in der frühen Blüte oft um das Doppelte. Als Faustregel wird der Lichtwechsel eingeleitet, wenn rund die Hälfte der Endhöhe erreicht ist.
Was ist der Unterschied zwischen Topping und LST?
Topping entfernt die Triebspitze und erzeugt mehrere Haupttriebe, kostet aber Regenerationszeit. Low-Stress-Training biegt Triebe nur waagrecht und erreicht ein ähnlich flaches Blattdach ohne Verletzung des Gewebes.
Welcher pH-Wert ist in der vegetativen Phase optimal?
Der optimale pH-Wert in der vegetativen Phase liegt bei der Kultivierung auf Erde zwischen 6.0 und 6.5, während in hydroponischen Systemen oder auf Kokos ein saurerer Bereich von 5.5 bis 5.8 ideal ist. Dieser Wert stellt sicher, dass alle essenziellen Nährstoffe, insbesondere Stickstoff und Eisen, von den Wurzeln effizient aufgenommen werden können. Weicht der pH-Wert stark ab, kommt es zu Nährstoffblockaden, die sich in gelben Blättern oder Wachstumsstopps äussern. Eine regelmässige Kontrolle des Giesswassers und des Ablaufs ist daher dringend zu empfehlen.
Wie erkenne ich Stickstoffmangel im vegetativen Stadium?
Ein Stickstoffmangel äussert sich zuerst durch eine gleichmässige Gelbfärbung der älteren, unteren Blätter, während die oberen Triebe zunächst grün bleiben. Da Stickstoff ein mobiles Element ist, transportiert die Pflanze den Nährstoff bei Bedarf aus den alten Blättern in die neuen Wachstumszonen. Schreitet der Mangel fort, vergilbt die gesamte Pflanze, das Wachstum stagniert und die Stängel können sich rötlich verfärben. Eine schnelle Anpassung des Düngers mit einem stickstoffbetonnten Wachstumsdünger behebt dieses Problem in der Regel innerhalb weniger Tage.
Kann man Stecklinge direkt in die vegetative Phase schicken?
Ja, frisch bewurzelte Stecklinge befinden sich genetisch bereits in der vegetativen Phase und werden unter einem Lichtzyklus von 18 Stunden Licht weiterkultiviert. Im Gegensatz zu Sämlingen, die zuerst eine mehrwöchige Jugendphase durchlaufen müssen, können Stecklinge theoretisch sofort nach der Wurzelbildung in die Blüte geschickt werden. In der Praxis lässt man sie jedoch meist einige Wochen vegetativ wachsen, damit sie eine ausreichende Grösse und Verzweigung aufbauen. Dies sichert eine stabile Struktur, die später die Blüten tragen kann.
Was passiert, wenn die Luftfeuchtigkeit in der Wachstumsphase zu niedrig ist?
Eine zu niedrige Luftfeuchtigkeit in der vegetativen Phase führt dazu, dass die Pflanzen übermässig viel Wasser über die Blätter verdunsten, was zu Stress und Wachstumsverzögerungen führen kann. Um diesen Flüssigkeitsverlust auszugleichen, schliessen die Pflanzen ihre Spaltöffnungen, wodurch die Photosyntheserate und die Nährstoffaufnahme sinken. Zudem steigt das Risiko für einen Befall mit Spinnmilben, die sich in trockener Luft besonders schnell vermehren. Ein Wert von unter 40 Prozent sollte im Wachstum daher vermieden werden, um die Vitalität nicht zu gefährden.